Elterliche Achtsamkeit gegenüber Kindern

Elterliche Achtsamkeit gegenüber Kindern

Wie viel Beachtung schenkt man eigentlich den Menschen, die einem am nächsten stehen – den eigenen Kindern? Dieser Frage ist die Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung nachgegangen. Hierzu wurden 1.083 Kinder und Jugendlich im Alter zwischen sechs und sechzehn Jahren zum Thema „Elterliche Achtsamkeit“ befragt. Das beunruhigende Ergebnis: Rund ein Drittel der Kinder und ein Fünftel der Jugendlichen fühlt sich von seinen Eltern nicht beachtet. Dies kann gravierende Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung haben. Selbstbewusstsein, Vertrauen, Lebenszufriedenheit und Empathiefähigkeit können starke Defizite aufweisen und damit den Lebensweg der Heranwachsenden negativ beeinflussen.

Was ist Achtsamkeit?

Unter der Achtsamkeit, die hier untersucht wurde, versteht man nicht die aktuell häufig besprochene Achtsamkeit sich selbst gegenüber: die aufmerksame und akzeptierende Haltung gegenüber den eigenen Praktiken, Emotionen und Bedürfnissen. Hier geht es um die achtsame Zuwendung gegenüber Dritten. In diesem Fall genauer um die Aufmerksamkeit, Sorge und Empathie, die Eltern ihren Kindern und deren Bedürfnissen entgegenbringen.

Mangelnde Achtsamkeit wirkt sich auf das Familienleben aus

Der Grad der empfundenen Aufmerksamkeit spiegelt sich im familiären Klima wider. Die bedingungslose Liebes-Sorge-Beziehung innerhalb der Familie zu leben, benötigt Zeit und eine gewisse Lebenszufriedenheit. Sind die Bedingungen widrig, werden die Prioritäten im Zusammenleben oft zugunsten des „Funktionierens“ gesetzt. Die Eltern-Kind-Beziehung weicht der Erziehung. So bleibt wenig Raum für Zuwendung und die Vermittlung von Wertschätzung. Die Kinder müssen sich mit einer Rolle als kleine Erwachsene arrangieren. Nicht nur mit ihren Wünschen, auch mit ihren Ängsten und Sorgen bleiben sie häufig allein. Eine Konsequenz dieser mangelnden Achtsamkeit führt zunächst dazu, dass Kinder aus dieser Situation lernen, ihre Ängste für sich zu behalten und im weiteren Verlauf das Bewusstsein für die eigenen Emotionen verlieren können. Der emotionale Austausch innerhalb der Familie und das für die Persönlichkeitsentwicklung so wichtige Gefühl der Geborgenheit werden beeinträchtigt oder gehen gänzlich verloren.

Empathie muss gelernt werden

Eine bedenkliche Entwicklung mit gesellschaftlichen Konsequenzen ist die abnehmende Empathiefähigkeit. Die Studie der Bepanthen-Kinderförderung zeigte bei vielen der befragten Kinder und Jugendlichen ein auffälliges Unvermögen, sich in andere hineinzuversetzen, mit anderen mitzufühlen. Dies kann an der abnehmenden Vermittlung von Solidaritätswerten durch die Gesellschaft und auch durch die Familie liegen. Entscheidend ist jedoch, dass Empathie keine Eigenschaft ist, die der Mensch automatisch hat. Sie muss erarbeitet und in diesem Prozess auch selbst erfahren werden, um sich entwickeln zu können. Auch hier zeigt sich also die große Bedeutung einer achtsamen Zuwendung durch die Eltern. Wird diese Fähigkeit nicht in ausreichendem Maße entwickelt, kann dies unter anderem zu einer Bindungsstörung führen, die sich negativ auf den gesamten weiteren Lebensweg auswirken kann.

Achtsamkeit in der Eltern-Kind-Beziehung

Das Erkennen der eigenen Bedürfnisse ist die Voraussetzung für einen achtsamen Umgang sowohl mit sich selbst als auch mit anderen. Eltern müssen dies zunächst für ihre Kinder übernehmen und ihnen diese Selbstwahrnehmung Schritt für Schritt vermitteln. Die Basis dafür ist der Aufbau einer liebevollen, aufmerksamen sorgenden Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Interesse aneinander, Bereitschaft zum Dialog, Respekt und Wertschätzung sind wichtige Bausteine dieser Entwicklung.

Auch wenn sich in der Untersuchung zeigte, dass die empfundene Beachtung durch die Eltern unabhängig vom sozialen, familiären, ethnischen oder wirtschaftlichen Status ist, gibt es Situationen, in denen Eltern sich nicht ausreichend um die emotionalen Bedürfnisse ihrer Kinder kümmern können. Deshalb unterstützt die Bepanthen-Kinderförderung das Kinderhilfsprojekt „Die Arche“, das versucht, Kindern eine Ergänzung zur Familie zu bieten, um diese Defizite aufzufangen.