Kinderarmut in Deutschland

Kinderarmut in Deutschland

Im Jahr 2009 hat die Bepanthen-Kinderförderung in Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld eine Studie zur Kinderarmut in Deutschland in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse sind erschreckend und werden durch weitere aktuelle Untersuchungen deutlich untermauert. Die ganz offensichtliche Tatsache ist, dass der wirtschaftliche Aufschwung in Deutschland an vielen Kindern vorbeigeht. Nahezu jedes fünfte Kind lebt heute bereits in einer sozial schwachen Familie. Wie aber empfinden diese Kinder selbst ihre soziale Stellung? Im Laufe der Befragung der Sechs- bis Dreizehnjährigen stellt sich heraus, dass Kinderarmut für die Betroffenen kein einheitliches Gesicht hat. Dabei spielt nicht das Materielle die wichtigste Rolle. Von viel größerer Bedeutung ist für die Kinder, dass sie und ihre Familien nicht diskriminiert werden. Der Wunsch nach guten Beziehungen zu den Altersgenossen, nach Sicherheit innerhalb der eigenen Familie und Grundbedürfnisse wie Schulbildung, medizinische Betreuung und Gewaltfreiheit stehen absolut im Vordergrund.

Kinderarmut – ab wann gelten Kinder als armutsgefährdet?

Als arm oder armutsgefährdet gelten nach wissenschaftlicher Definition in Deutschland Familien, deren Nettoeinkommen weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen mittleren Nettoeinkommens beträgt. Derzeit liegt das Referenznettoeinkommen für eine vierköpfige Familie bei etwa 1.900 Euro. Kinderarmut definiert sich dabei über die Grundbedürfnisse. Armen Kindern fehlt es nicht nur an Geld, sondern auch an akzeptablen Wohnverhältnissen oder zum Beispiel an witterungsgerechter Bekleidung. Urlaubsreisen kennen rund 70 Prozent der von Kinderarmut Betroffenen überhaupt nicht.

Hier ist die Kinderarmut in Deutschland am größten

Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung hat ermittelt, in welchen Regionen die Kinderarmut in Deutschland am bedrohlichsten ist. Die Daten für diese Auswertung liefern der Mikrozensus 2014, die Bundesagentur für Arbeit sowie eigene Berechnungen des Instituts. Untersucht wurden dabei 39 Regierungsbezirke in Deutschland. Eine erste Auswertung ergab, dass die Kinderarmut in Deutschland im Osten des Landes mit 26,3 Prozent deutlich über dem Durchschnitt der westlichen Bundesländer liegt. Dennoch führt bei den einzelnen Bundesländern Bremen mit 33,7 Prozent die Liste der armutsgefährdeten Kinder vor Mecklenburg-Vorpommern mit 33,5 Prozent an. Die niedrigsten Quoten gibt es in der Oberpfalz, Baden-Württemberg und Bayern. Hier liegen die Berechnungen im einstelligen Bereich. Eine steigende Tendenz weist das Bundesland Nordrhein-Westfalen auf, angeführt von den Regierungsbezirken Düsseldorf, Köln und Arnsberg.

Die soziale Benachteiligung von Kindern und deren Auswirkungen auf die Zukunft

Die Sozialforschung der Bepanthen-Kinderförderung gibt sich nicht damit zufrieden, die Kinderarmut in Deutschland zu definieren und verstärkt in den Fokus des öffentlichen Interesses zu lenken. Sie beschäftigt sich auch mit den Armutsauswirkungen auf die Zukunft der Kinder und des gesamten sozialen Gefüges in Deutschland. Kinderarmut führt dazu, dass die Betroffenen in ihren Chancen erheblich beeinträchtigt sind. Dabei erleben Kinder die eigene soziale Beeinträchtigung durchaus unterschiedlich. Fast 90 Prozent glauben daran, dass ihr Leben besser wird und sie über viele eigene Fähigkeiten verfügen. Ca. 70 Prozent sind der Ansicht, dass sie in der Lage sind, auch Probleme lösen zu können. Dem gegenüber stehen etwa 11 Prozent aller Befragten, die ihr Leben schon jetzt als perspektivlos betrachten. Diese Zahl ist alarmierend. Nur durch eine Verstärkung außerschulischer Förderungen lässt sich hier eine Umkehr erreichen.

Das Kinderhilfsprojekt Arche gegen die Kinderarmut in Deutschland

Kinder, die in Armut aufwachsen, erfahren eine strukturelle Benachteiligung, die sie nachhaltig prägt. Das Kinderhilfsprojekt Arche ist vor diesem Hintergrund ein wichtiger Impulsgeber, der die Persönlichkeitsentwicklung sozial benachteiligter Kinder unterstützt. Spezifische außerschulische Bildungsprojekte, Ausflüge und Freizeitaktivitäten zeigen Kindern aus ärmeren Verhältnissen Perspektiven auf, die das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten stärken.

Deutschland gilt eigentlich als reiches und soziales Land, doch trotz der etwa 200 Milliarden Euro, die vom Staat jährlich in die Familienpolitik investiert werden, verzeichnen Statistiken einen Anstieg der Kinderarmut. Forscher sehen jedoch in erster Linie die Wirtschaft in der Pflicht und fordern eine Anhebung der Löhne im unteren Lohnsegment, um Kinderarmut wirksam einzudämmen.

Video: Film zur Kinderarmutsstudie