Ausprägung des Gemeinschaftssinns bei Kindern und Jugendlichen

Ausprägung des Gemeinschaftssinns bei Kindern und Jugendlichen

Gemeinschaftssinn ist einer der tragenden Pfeiler unserer Gesellschaft. Zu seinen Grundlagen gehören Kompetenzen wie Empathie, Solidarität, Respekt, Hilfsbereitschaft und soziale Integration. Diese Grundlagen werden größtenteils in der Kindheit und der frühen Jugend erfahren und erlernt. Doch wie steht es um den Gemeinschaftssinn der heranwachsenden nächsten Generation?

Diese Frage steht im Mittelpunkt der aktuellen Studie, die von der Universität Bielefeld im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung durchgeführt wurde. Der Sozialpädagoge Prof. Dr. Holger Ziegler hat untersucht, wie Kinder (6 bis 11 Jahre) und Jugendliche (12 bis 16 Jahre) mit verschiedenen Aspekten des Gemeinschaftssinns, wie Empathie und Solidarität, aber auch mit Gleichgültigkeit und der Abwertung von Schwächeren umgehen.

Das Ergebnis zeigt, dass die heutigen Heranwachsenden zu einem großen Teil über einen positiven Sinn für das menschliche Miteinander verfügen. Allerdings haben 22 Prozent der befragten Kinder hier bedenkliche Defizite. Bei den Jugendlichen fällt sogar ein Drittel (33 Prozent) durch unterdurchschnittlich entwickelten Gemeinschaftssinn auf.

Mädchen, die Retter des Gemeinwohls

Die positiven Aspekte des Gemeinschaftssinns von Jungen liegen bereits von Kindesalter an in einer Schieflage.
Bei den negativen Aspekten des Gemeinschaftssinns – Gleichgültigkeit und Abwertung von Randgruppen/Schwächeren (bei Kindern: Mobbing) – zeigen die Jungen ebenfalls deutlich geringere soziale Kompetenzen. Die Abwertung von Schwächeren und Randgruppen liegt aber insgesamt im Argen: Ein Fünftel der befragten Jugendlichen findet das völlig in Ordnung. Auch hier liegen die Jungen deutlich vor den Mädchen. Mädchen sind offenbar deutlich gemeinschaftsorientierter als Jungen. Sie sind mitfühlender, hilfsbereiter, weniger gleichgültig und weniger abwertend.

Höhere Sozialkompetenz, aber auch mehr Selbstkritik

Bei aller sozialen Kompetenz sind Mädchen eher unzufrieden mit sich und ihrem Leben als Jungen. Im Jugendalter liegen sie sowohl in Beurteilung der eigenen Lebenszufriedenheit als auch des Selbstwertgefühls hinter den Jungen zurück. Dagegen zeigen die Jungen trotz – oder gerade wegen – ihrer offensichtlich geringeren sozialen Ausrichtung in beiden Bereichen höhere Werte.

Beeinflussung durch das Umfeld

Die Studie zeigt auch: Empathie und solidarisches Verhalten der Befragten entwickelt sich unabhängig vom sozioökonomischen Status der Familie. Aber: Betrachtet man die negativen Aspekte von Gemeinschaftssinn, zeigt sich ein anderes Bild. Die Hälfte der Jugendlichen mit niedrigem sozioökonomischem Status neigen deutlich stärker dazu, Randgruppen und Minderheiten abwerten, als ihre Altersgenossen aus besser gestellten Haushalten.
Bei der Gleichgültigkeit gegenüber Anderen zeigt sich ebenfalls ein signifikanter Unterschied: 1/3 Prozent der Jugendlichen mit niedrigem sozioökonomischem Status weisen Gleichaltrigen in Problemlagen die individuelle Schuld zu. Ihre Altersgenossen aus besser gestellten Haushalten zeigen dieses Verhalten auch hier nur in geringerem Ausmaße.

Eine dem Gemeinschaftssinn abgewandte Einstellung der Eltern hat auf Gleichgültigkeit und abwertendes Verhalten der Jugendlichen ebenfalls einen signifikanten Einfluss. Unter diesen familiären Bedingungen weist jeder dritte Jugendliche anderen individuelle Schuld zu, wohingegen es bei Kindern von Eltern mit positiver Einstellung nur gut jeder Zehnte ist. Auch werten Heranwachsende hier weitaus häufiger ab als Kinder von Eltern mit positiver Einstellung. Auf Empathie oder Solidarität hat eine negative Einstellung der Eltern keinen nennenswerten Einfluss.

Positiver Einfluss gefordert

Die heutige Gesellschaft befindet sich im Umbruch. Aktuelle Themen wie Inklusion, Diversität und Nachhaltigkeit erfordern Umdenken und persönliche Kompetenz, um zu einer funktionierenden pluralen Gesellschaft beizutragen. Die Lebensrealität und das Bewusstsein einiger Kinder und Jugendlichen spiegelt dies jedoch nicht wider.

Studienleiter Holger Ziegler sieht darin eine Problemlage mit langfristigen Auswirkungen: „Die Daten deuten darauf hin, dass wir hier kein Randgruppenphänomen, sondern potenziell einen Flächenbrand sehen. Die gezeigte Entsolidarisierung führt im Ergebnis zu einer gesellschaftlichen Degenerationsspirale. Das Prinzip der Solidargemeinschaft als Grundlage für eine gelingende Gesellschaft läuft Gefahr zu kippen.“

Die Studie zeigt, eine positives Einflussnahme auf den Gemeinsinn bei Kindern und Jugendlichen ist möglich. Neben den Eltern spielt auch das soziale Umfeld eine große Rolle. Hier machen Kinder und Jugendlichen persönlichen Erfahrungen zu Solidarität und Abwertung. Deshalb unterstützt die Bepanthen-Kinderförderung das Kinderhilfsprojekt „Die Arche“. In der Gemeinschaft des Projekts lernen Kinder und Jugendliche ein konstruktives Miteinander und erleben Wertschätzung und Vertrauen.